Predigttexte


Predigt von Markus Beile am 24. Mai in der Lutherkirche

 

I)

Was brauchen wir für unser Leben? Viele Menschen hätten hier vor einigen Monaten manches genannt, bei dem sie sich jetzt, in der Coronakrise, vielleicht nicht mehr so sicher wären. Vor allem Jüngere nennen, wenn es darum geht, was sie zum Leben brauchen, oft materielle Dinge wie bestimmte Kleider, später vielleicht Haus oder Auto.

Was brauchen wir für unser Leben? In der Coronakrise kommen wir viel zum Nachdenken. Und fragen uns vielleicht: Was ist das eigentlich, was unser Leben gelingen lässt. Was es erfüllt und glücklich macht. Was braucht es da eigentlich? Liebe, und Freundschaft? Ganz sicher. Aber reicht das? Oder hungern wir noch einmal nach etwas ganz Anderem? Reicht das, um im Leben sagen zu können: Ich habe für mich den Sinn des Lebens gefunden. Und im Sterben sagen zu können: Ich habe keine Angst vor dem Tod?

Wonach hungern wir Menschen im Tiefsten? Wovon können wir dauerhaft sattwerden? Darum geht es in dem Bibelab­schnitt, den ich für den heutigen Sonntag herausgesucht habe. Wir finden ihn im Johannesevangelium, im 6. Ka­pitel. Es handelt sich um die sogenannte Speisung der 5000. Der Evan­gelist Johannes schreibt:

Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer, das auch See von Tiberias heißt. Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sa­hen, die er an den Kranken tat. Jesus aber ging auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern. Es war aber kurz vor dem Passah, dem Fest der Juden. Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben? Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte. Philippus antwortete ihm: Für zweihun­dert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder ein wenig be­komme. Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele? Jesus aber sprach: Lasst die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Männer. Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie de­nen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, soviel sie wollten. Als sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sam­melt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt. Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die denen übrig blieben, die gespeist worden waren. Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Pro­phet, der in die Welt kommen soll. Als Jesus nun merkte, dass sie kom­men würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er selbst allein.

 

II)

Eine nachdenkliche, sinnreiche Geschichte, die uns der Evangelist Jo­han­nes erzählt. Vielleicht kennen wir sie aus unserer Kinder- und Ju­gend­zeit und haben sie damals entsprechend verstan­den, haben uns überlegt, wie das zugegangen sein kann, dass Jesus mit fünf Broten und zwei Fischen 5000 Männer, die Frauen sind gar nicht mitgezählt, wie er die alle satt machen konnte. Ganz vordergründig, ganz materiell haben wir damals die Geschichte von der Speisung verstanden. Irgendwann kam vielleicht der Zeitpunkt, wo uns die Geschichte ferngerückt ist: Zu unglaublich erschien uns diese Wundergeschichte.

Dabei, liebe Gemeinde, ist die Geschichte gar keine Wundergeschichte. Jedenfalls nicht in dem Sinn, wie wir als Kinder und Jugendliche uns das vielleicht vorgestellt hatten. Der Evangelist Johannes spricht beim Erzäh­len dieser Geschichte von einem Zeichen, das Jesus tat. Ein Zeichen trägt seine Bedeutung nicht in sich selbst, sondern verweist auf etwas anderes. Sattsein, das bemisst sich eben nicht daran, wie viel Brot und Fisch jeden Tag auf den Tisch kommt. Das ist allzu vordergründig ge­dacht. Satt sein, Erfüllung: Da geht es um etwas ganz anderes. Um die Frage nach dem Sinn des Lebens, um Erfüllung und glücklich sein können. Davon wie Jesus die Menschen sättigt, die hungern und dürsten nach mehr als essen und trinken, davon erzählt diese Geschichte.

 

Das Johannesevangelium ist das hintergründigste aller vier Evangelien. In dem, was uns der Evangelist berichtet, wimmelt es von Anspielungen, Symbolen und Querverweisen. Immer will er uns dazu veranlassen, tie­fer zu sehen, die Oberfläche zu durchstoßen, um zum

Eigentlichen zu gelangen.

 

Unsere Geschichte von der Speisung der 5000 darf man nicht isoliert be­trachten, man muss, wie wir es ja auch von einem guten Krimi ge­wohnt sind, weiterlesen. Und wie bei einem guten Krimi verstehen wir von hin­ten her manches, was zuvor berichtet wurde, ganz neu.

Die Geschichte von der Speisung der 5000 mündet in eine Rede Jesu. Sie, die Rede Jesu, steht im Zentrum, auf sie zielt die Speisungsge­schich­te. Jesu sagt in dieser Rede einen bedeutungsvollen Satz: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wir nimmermehr dürsten.“

Dieser Satz, liebe Gemeinde, ist der Schlüssel zum Verstehen der Spei­sungsgeschichte. Dort geht es nicht um oberflächliches Sattwerden, um genug Brot zu haben. Das ist nur vergängliche Speise, sagt Jesus. In der Speisung der 5000 geht es um etwas ganz anderes. „Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, wie wir in jungen Jahren glauben, sondern, wie es in der Bibel einmal heißt, „von einem je­den Wort, das von Gott kommt.“

 

Sattwerden in diesem Sinne ist etwas ganz anderes. Was nützt es einem Menschen, der traurig ist, wenn wir ihm Geld geben? Er sehnt sich nach etwas ganz anderem. Jesus hat das gewusst. Seine Worte, seine Zu­wendung zu den Menschen hatten eine große, mitunter lebensverän­dernde Wirkung. Zu den Menschen, die eine Ehebrecherin steinigen wol­len, sagt er: „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein“. Die, die am Sabbat Hunger haben und Getreideähren abreißen, schützt er mit den Worten „Der Sabbat ist für den Menschen da und der Mensch nicht für den Sabbat.“ Die, die am Rande der Gesellschaft stehen, von denen keiner groß spricht, die stellt er ins Zentrum, indem er sagt: „Selig sind die geistlich Armen, denn ihrer ist das Himmelreich“.

Jesu Handeln, seine Worte hatten große Wirkungen: Menschen richten sich auf, ihre Au­gen beginnen wieder zu leuchten, ihre Würde wird nicht mehr mit Füßen getreten. Sie finden Erfüllung, ihr Hunger nach Leben wird gestillt.

 

Jesus stillt den Hunger nach Leben, er macht Menschen satt, nicht durch Brot im wörtlichen Sinn, sondern durch lebendigmachende Worte und Ta­ten. Er selbst ist das Brot des Lebens. Wer zu ihm kommt, den wird nicht mehr hungern.

 

Es ist kein Zufall, dass in der Geschichte von der Speisung der 5000 das bevorstehende Passafest erwähnt wird. Während des Passafestes feiert Jesus das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern. Damit verknüpft sich unsere Geschich­te mit ihm, bei dem ja auch um Brot geht, das die Menschen ernährt, in einem übertragenen Sinne.

Alle Menschen werden satt in unserer Geschichte der Speisung der 5000. Und auch wir können satt werden: 12 Körbe sind es, die übrig bleiben – 12 Stämme Israels als Ausdruck des ganzen Volkes, 12 Jünger, die die Bot­schaft von Jesus weitertragen, die seine Worte und Taten sammeln und aufbe­wah­ren, für uns: Damit auch unser Lebensdurst, unser Hunger nach Erfül­lung gestillt wird.

Die Worte der Bibel als die Körbe Brot, die für uns aufbewahrt werden: Wenn Menschen durch sie satt werden, durch sie ihren Hunger nach Erfül­lung, ihren Lebensdurst stillen können, da geschieht das eigentliche Wunder. Und – so gesehen – kann man dann auch von der Speisung der 5000 als einer Wundergeschichte reden.

 

III)

Was macht uns Menschen glücklich? Was macht unser Leben sinnvoll? Autos und Geld, das reicht dafür ganz sicher nicht. Was uns Menschen glücklich macht und zufrieden, was unseren Hunger nach Leben sättigt, das sind, wie wir im Laufe des Lebens erkennen, keine ma­teriellen Dinge. Die Bibel erzählt uns von Menschen, die ihre Erfüllung gefunden haben durch diesen Mann, Jesus von Na­za­reth. Der ihnen den Weg zum Leben erschlossen hat durch seine Wor­te und seine Zuwendung. Und dadurch ihrem armse­ligen Leben wieder Glanz gab. An ihn erinnern wir uns, wenn wir Worte aus den Evan­ge­lien hören und miteinander das Abendmahl feiern. Und hoffen, dass auch auf unser Leben ein wenig von dem Glanz fällt, den Menschen da­mals in der Begegnung mit ihm erlebt haben. Einen Glanz, den wir gut brauchen können: Gerade in Zeiten von Corona.  


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