monatsandacht


Monatsandacht März

 Quelle: Kirchenbezirk Konstanz

Mitten im Zentrum für Psychiatrie auf dem Reichenauer Festland steht ein Mahnmal:

eine etwa 20 Meter lange Steinmauer, die aussieht, als wäre sie von einem großen unsichtbaren Keil in der Mitte gespalten und dann zersplittert. Zwei Enden der geborstenen Granitplatten reichen in die asphaltierte Fahrbahn. Sie liegen im wahrsten Sinne des Wortes auf Dauer im Weg. 

Die zerbrochenen Steine erinnern daran, dass während der NS-Zeit 508 Menschen aus der Psychiatrie verschleppt und getötet wurden. Ihr Leben war für nicht lebenswert, ja nicht liebenswert erklärt worden. 

Manchmal sprechen Steine eine deutliche Sprache. Sie geben denen Sprache, die rechtlos und mundtot gemacht wurden. Die Mauer im ZfP erscheint mir wie die große Schwester der inzwischen zahllosen Stolpersteine auf den Bürgersteigen unserer Städte. Die Steine halten die Erinnerung an himmelschreiende Lieblosigkeit wach. Sie erinnern an das, wozu Menschen fähig sind und was Menschen anderen Menschen angetan haben.

Die Bibel erzählt, dass die Pharisäer beim Einzug Jesu nach Jerusalem dessen jubelnde Anhänger zur Ruhe zu bringen wollten. Wie viele Menschen Jesus begeistert hochleben ließen, ist im Lukasevangelium – anders als in den übrigen Evangelien – nicht beschrieben. Möglicherweise war es nur der innerste Zirkel und das Ganze ein relativ kleiner Demonstrationszug. Entscheidend war nicht die Zahl, sondern die Wirkung dessen, was Jesus verkündigte und wie sich seine Botschaft unter den Anhänger*innen in Hoffnung verwandelte. Wie in ihnen die Hoffnung auf eine veränderte Weltordnung keimte, eine, in der sie etwas wert sein würden. Wie sie angesteckt waren von der Überzeugung, dass sich ihre Lebenswirklichkeit radikal verändern würde.  Dass sie in Verhältnissen leben würden, die so wären, wie Gott es will: gerecht, geschwisterlich, getröstet, friedlich, versöhnt und von Herzen geliebt.

Dem Establishment war diese Bewegung ein Dorn im Auge. Die Mächtigen hatten Angst. Sie versuchten auf alle erdenkliche Weise den Hoffnungsträger aus dem Verkehr zu ziehen und seine Sympathisant*innen mundtot zu machen. Jesus antwortete seinen Gegnern: „Ich sage Euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien“
(Lk 19, 40).

Die Wahrheit von Gottes Menschenliebe lässt sich auf Dauer aber nicht unterdrücken. Nicht mit Lügen und dem Versuch die Geschichte zu relativieren. Nicht mit Knüppeln und Polizeigewalt. Die Hoffnung auf eine andere Welt, auf ein gerechtes Zusammenleben, bei dem alle das bekommen, was sie brauchen und nicht nur das, was sie sich leisten können; der Traum, dass Menschen nicht mehr als Angehörige einer bestimmten Rasse oder Nationalität, sondern als Menschen betrachtet werden; die Zuversicht, dass es endlich gelingt respektvoll mit der Schöpfung umzugehen, lässt sich auf Dauer nicht verbieten, nicht auslachen, nicht abstellen oder einsperren. Diese Liebe ist so mächtig, dass notfalls die Steine sie in die Welt schreien, sagt Jesus.

Manchmal sind es Grabsteine. Zum Beispiel der von Captain Tom Moore, der jüngst an Corona verstorben ist. Eigentlich wollte er mit seinen Rollator-Runden nur 1000 Pfund für den britischen Gesundheitsdienst sammeln. Als Dank dafür, dass die Schwestern ihn so liebevoll während seiner Krebserkrankung versorgt hatten. Es sind dann 6 Millionen geworden. In der Bibel werden solche Menschen „lebendige Steine“ genannt. Hoffentlich lassen sie sich nie zum Schweigen bringen!

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